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YES NO MAYBE

Ein Film über Liebe von Kaspar Kasics

CH 2015 / 106 min

 

 

Was ist mit der Liebe los? Gibt es sie noch oder ist sie eine Utopie? Was hält ein Paar zusammen und wo führt uns die Sehnsucht hin? YES NO MAYBE begibt sich auf Spurensuche und trifft auf zwei höchst unterschiedliche Paare, auf eine erste und eine letzte Liebe. Die eine bahnt sich unverhofft über Internet an, die andere gipfelt nach Jahren in einem gemeinsamen Traum in Portland, Oregon. Scharfsinnig entschlüsseln Eva Illouz und Sven Hillenkamp indes den unmöglichen Charakter der Liebe, ein Befund, den die beiden Paare in den Wind schlagen.

HANNAH & SAMUEL ROBERTSON

Auf den ersten Blick sind die beiden ein Traumpaar. Eines, das sich entgegen Hannahs ursprünglicher Überzeugung, dass Liebe nur eine Einbildung sei, gefunden zu haben scheint. Ihre fast grenzenlose Kommunikationsbereitschaft spielt dabei eine Schlüsselrolle. Hinzu kommt etwas, das vielen Paaren fehlt, ein Lebensprojekt, das sie als gemeinsames Drittes verbindet und zusammenschweisst. Für Hannah und Samuel sind das nicht die eigenen Kindern, sondern die Musik. Sie verbinden sich in ihrer musikalischen Kreativität und setzen ihre Erfahrungen als THE WOODLANDS im Singer-Songwriter-Stil um. Dafür sind sie bereit, auf vieles zu verzichten und sich im Alltag mit fast nichts durchzuschlagen. Was ihre Liebe angeht, so scheinen sie erkannt zu haben, worauf es wirklich ankommt: Sie kämpfen darum, einander wirklich wahrzunehmen und den Differenzen und den eigenen Bedürfnissen genügend Raum zu geben.

 

TANJA & PETER MÄDER

Das Internet ist für Peter Mäder zum Retter in der Not geworden. Nachdem er jahrelang nach einer Partnerin suchte und sich dabei in Affären und Geschichten verlor, lernt er über Internet unverhofft die Ukrainerin Tanja kennen. Auf der Krim treffen sie sich zum ersten Mal. Und Peter Mäder kann es kaum glauben: Sie sei genauso gewesen, wie er sie sich von Foto und Mails vorgestellt habe. Beide wissen, dass sie zusammen ein neues Leben beginnen können. Und beide sind an einem Punkt in ihrem Leben, wo sie dies unbedingt wagen wollen. Auch wenn sie Peter kaum kennt, ist Tanja nach zwei gescheiterten Ehen zu einem grossen Schritt bereit. Dabei entspricht sie in keiner Weise dem Clichée der jungen Ukrainerin, die es in den Westen zieht. Ihr Ziel ist eine harmonische Partnerschaft, wie sie diese von ihren Eltern her kennt. Der Rest muss sich von selbst ergeben. Peter dagegen braucht unbedingt jemanden an seiner Seite. „Leben und Leben lassen“, so umschreibt er seine Erwartungen, wobei er weiss, dass dieser Leitspruch ihn nicht davon entbindet, sich mit Tanja und ihren Eigenheiten auseinanderzusetzen. Obwohl sich Peter und Tanja kaum verständigen können, sind sie entschlossen, alles zu riskieren. Die Liebe soll sie von der schwierigen Vergangenheit befreien und vor dem drohenden Alleinsein retten.

 

EVA ILLOUZ

Seit ihrer Jugend widmet sich Eva Illouz dem Phänomen der Liebe. Als wegweisende Soziologin, welche DIE ZEIT zu den zwölf herausragendsten Persönlichkeiten der Gegenwart zählt, hat Illouz Zusammenhänge aufgedeckt, die es ermöglichen, die Liebe mit präzisen Begriffen zu beschreiben und deren widersprüchlichen Charakter zu erfassen. In ihren Untersuchungen entwickelte sie eine Grammatik der Liebe, die es erlaubt, ohne psychologischen Ballast und kulturelle Relativierungen das Phänomen der Liebe zu verstehen. Ihre Publikationen „Der Konsum der Romantik“, „Gefühle im Zeitalter des Kapitalismus“ oder „Warum Liebe weh tut“ befassen sie sich mit dem institutionellen und sozialen Charakter unserer Gefühle, die als frei und authentisch wahrgenommen werden, aber weitgehend gesellschaftlich determiniert sind. Eva Illouz enthüllt die der Liebe innewohnenden Widersprüche, mithin die Grenzen der Liebe in Zeiten der Moderne.

Eva Illouz tritt zum ersten Mal in einem Dokumentarfilm auf.

 

Bibliographie Eva Illouz

– Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Campus, Frankfurt   am Main/New York 2003

– Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006

– Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

– Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp, Berlin 2011

– Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und „Shades of Grey“. Suhrkamp, Berlin 2013

– Israel. Suhrkamp, Berlin 2015

 

SVEN HILLENKAMP

Für den Schriftsteller und Philosophen Sven Hillenkamp sind die Zeiten der Liebe vorbei. In seinem Aufsehen erregenden Buch „Das Ende der Liebe“ verdichtet er seine eigenen Erfahrungen zur These, dass in der westlichen Welt ein Mass an Freiheit herrscht, welches die Liebe nicht nur bedroht, sondern geradezu unmöglich macht. Die Ansprüche, die aus den sehr viel breiteren Erfahrungen und der neuen Realität des Ausprobierens erwachsen, aber auch die unendlichen Möglichkeiten, den zunächst passenden Partner jederzeit durch einen anderen ersetzen zu können, entziehen der Liebe die Grundlage, als einmaliges Abenteuer gewagt und empfunden zu werden. Dem Idealbild der uns vorschwebenden Liebe, das nach Hillenkamp einer vielköpfigen „Hydra“ gleicht, kann und wird niemand je entsprechen können. Gab es früher zu wenig Möglichkeiten, den romantischen Traum zu verwirklichen, so scheitert dieser heute an zu vielen Möglichkeiten. Sven Hillenkamp formuliert nicht nur unsere Erwartungen und Sehnsüchte, die heute unerfüllbar geworden sind, er zeigt auch, dass grenzenlose Freiheit nicht zu grösserem Glück führt. Wenn die Freiheit nicht zum Gefängnis werden soll, müssen wir uns selber neue Grenzen setzen.

Sven Hillenkamp lebt in einer Partnerschaft mit zwei Kindern in Stockholm.

 

Bibliographie Sven Hillenkamp

– Das Ende der Liebe, Gefühle im Zeitalter unendlicher Möglichkeiten. Klett-Cotta, 2009

– Fussabdrücke eines Fliegenden, Klett-Cotta, 2012

– Negative Moderne, erscheint 2016 bei Klett-Cotta

Die Liebe ist in einem Dilemma. Für viele zum lebenswichtigsten Ereignis geworden, erweist sie sich zugleich als immer flüchtiger und unbeständiger. Diese höchst widersprüchliche Erfahrung hat mich angetrieben, nach ihrem Geheimnis zu suchen. Danach zu fragen, worauf es in der Liebe ankommt, was sie ausmacht und ob es sie heute überhaupt noch geben kann.

Anstoss zum Film gab die Geschichte von Peter Mäder, auf welche ich durch einen Freund aufmerksam wurde: Es ist die Geschichte jener verzweifelten Suche nach einer Frau, die wirklich zu einem passt und die dem eigenen Leben den eigentlichen Sinn geben sollte. Zwar hatte sich Mäder dabei verrannt und verausgabt, doch schon bei unserer dritten Begegnung zeigte er mir ein Foto, das er von einer Internetbekanntschaft aus der Ukraine erhalten hatte: Eine Frau wie aus dem Bilderbuch. Diese wollte er nun zum ersten Mal auf der Krim treffen. Voller Skepsis begleitete ich ihn und Tanja nach diesem ersten Treffen mit der Kamera.

Zugleich suchte ich nach einem ganz anderen Paar. Einem Paar, das vollkommen miteinander verbunden und – ganz nach dem romantischen Ideal – eine grösstmögliche Einheit oder Fusion bildete. Dieses konnte ich nur finden, wenn sich beide auch in ihrer Tätigkeit verbanden. In Wien, Berlin, Zürich und Paris traf ich unzählige Paare. Doch bei allen fehlte etwas zum gesuchten Ideal, bis eine Assistentin mich auf Hannah und Samuel Robertson aufmerksam machte, auf die sie über Internet in Portland, Oregon, gestossen war. Ich buchte sofort einen Flug und war mir nach der ersten Begegnung sicher, dass diese Liebe eine vollkommen andere war als sie es bei Peter und Tanja je sein würde. Zugleich wurde mir bewusst, dass dieser grosse Unterschied zwischen den beiden Geschichten eine Chance war, mich dem Phänomen der Liebe filmisch annähern zu können. Denn die Gegensätze erhellen sich wechselseitig.

 

Nach meiner Rückkehr stiess ich unerwartet auf Sven Hillenkamps Buch „Das Ende der Liebe“ und lernte den Autor im Berliner Café Einstein kennen. Er wies mich auf eine Veranstaltung zur Frage der Liebe in Zeiten der Moderne hin, welche er in München zusammen mit Eva Illouz bestreiten werde. Neugierig heftete ich mich an beider Fersen. Die Veranstaltung bestärkte mich, Sven Hillenkamp und Eva Illouz für den Film zu gewinnen. Noch nie hatte ich erlebt, dass Gedanken über die Liebe so präzis und erhellend sein können, ohne Relativierungen und fern der einschlägigen Ratgeberliteratur. Als Soziologen scheuen sich Illouz und Hillenkamp nicht vor verbindlichen Beschreibungen und Aussagen. Sind es bei Illouz die unlösbaren Widersprüche, welche die Liebe prägen, so ist für Hillenkamp die Liebe heute angesichts der „unendlichen Möglichkeiten“ und den vielfältigen Erfahrungen, die jede und jeder mit sich bringt, am Ende.

 

Mit der Begehrtheit und Unabkömmlichkeit von Eva Illouz hatte ich aber nicht gerechnet. Wie eine Shpinx stellte sie mich vor das Rätsel, wann, wo und wie ich sie treffen und für den Film gewinnen konnte. Fünf Tage weilte ich in Jerusalem, um sie schliesslich für eine Stunde treffen zu können. Aber diese Stunde hatte es in sich, denn Illouz zeigte sich als scharfsinnige Fragestellerin, deren Interesse allein der Sache gilt. Während Sven Hillenkamp das Phänomen der Liebe aus eigenem Erfahrungsschatz reflektiert, stützt sich Eva Illouz auf unzählige Untersuchungen, Quellen und Literaturbeispiele, welche sie in genuiner Weise miteinander verbindet. Entfernte ich mich aber mit meinen Fragen zu weit von ihrer Denkweise, schaute sie mich zweifelnd an, forderte mich auf, meine Frage präziser zu stellen oder sie riet mir kurzerhand und nicht ohne Schalk, mich doch an Dr. Ruth (Westerheimer) zu wenden…

Je länger ich am Film arbeitete, desto mehr zeichnete sich ab, dass YES NO MAYBE nicht nur ein Film über die grundlegenden Fragen der Liebe sein würde, sondern auch ein Film über das Verhältnis von Gefühl und Gedanken. Das heisst über das Dilemma, dass das Empfinden und das Denken in der Liebe oft nicht übereinstimmen, dass sie dazu neigen, sich immer mehr voneinander zu entfernen, heute mehr denn je. Unsere Vorstellungen und Begriffe von Liebe entsprechen selten dem, was wir in der Liebe empfinden und leben können. Umso wichtiger ist ein Bewusstsein darüber zu erlangen, was mit einem in der Liebe geschieht: Das Bewusstsein, dass man die bedeutenden Dinge in der Liebe meist schnell vergisst, wie die gegenseitige „recognition“ (Eva Illouz) aber auch die Überforderung des Gegenüber durch die „Sehnsucht nach vollumfänglicher Anerkennung“ (Sven Hillenkamp). Gerade daran scheitert die Liebe so häufig.

 

Kaspar Kasics, Autor und Regisseur

Geboren in Interlaken, aufgewachsen in Zürich. Musikstudium Konservatorien

Zürich und Basel. Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte an der Universität Zürich, Promotion mit einer Abhandlung zur Theorie der literarischen Fiktion. Diverse Filmkurse, u.a. bei Urs und Marlies Graf Daetwyler. Fünf Jahre

Redaktor und Realisator beim Schweizer Fernsehen SRF. Seit 1990 selbständiger Regisseur und Produzent. 2006 zehnmonatiger Aufenthalt in Südostasien. 1996 – 2001 und seit 2010 Präsident des Verbandes Filmregie und Drehbuch Schweiz. Mitglied der Eidgenössischen Filmkommission und der Kulturkommission der Suissimage.

 

1991 Jemand oder die Passion zum Widerstand, doc. 83’

1996 bal moderne, doc TV, 58’

1999 Closed Country, doc. 84’ Offizielle Selektion Berlinale (Panorama)

2000 Sauvé, doc. 24’

2001 Blue End, doc. 82’ Offizielle Selektion Berlinale (Panorama)

2002 Dragan und Madlaina, fic. 90’

2004 Downtown Switzerland, (mit Chr. Davi, S. Haupt, F. M. Murer), doc, 90’

2008 No More Smoke Signals, (Fanny Bräuning) Produktion, Dramaturgie und Montage, doc. 90’

Montage

Isabel Meier Spiel- und Dokumentarfilme (Auswahl)
DIE BÖSEN BUBEN von Bruno Moll (1992)
DIE UNBERÜHRBARE von Oskar Roehler (2000), Deutscher Filmpreis
SAMSARA von Pan Nalin (2001)
BLUE END von Kaspar Kasics (2001)BROMBEERCHEN von Oliver Rihs (2002)
MEIN NAME IST BACH von Dominique de Rivaz (2004), Schweizer Filmpreis
NACHBEBEN von Stina Werenfels (2006), Schweizer Filmpreis
THE DRUMMER von Kenneth Bi (2007)
TANDOORI LOVE von Oliver Paulus (2008)
SATTE FARBEN VOR SCHWARZ von Sophie Heldmann (2010)
BALKAN MELODIE von Stefan Schwietert (2013)
LOVE ISLAND von Jasmila Zbanic (2014)
PARCOURS D’AMOUR von Bettina Blümner (2014)

 
Kamera

Eric Stitzel Dokumentarfilme (Auswahl)
– MAIS IM BUNDESHUS von Stephane Bron (2003)
– SOMEONE BESIDE YOU von Edgar Hagen (2007)
– DARK STAR von Bellinda Sallin (2014)
Pierre Mennel Spiel- und Dokumentarfilme (Auswahl)
BLUE END von Kaspar Kasics (2001)
NO MORE SMOKE SIGNALS von Fanny Bräuning(2008)
DIE STANDESBEAMTIN von Micha Lewinsky (2009)
PEPPERMINTA von Pippilotti Rist (2009)
HUGO KOBLET von Daniel von Aarburg (2010)
NEL GIARDINO DEI SUONI von Nicola Belucci (2010)
THULETUVALU von Mattias von Gunten (2014)Zürcher Filmpreis 2009 für besondere Verdienste für das Schweizer Filmschaffen

 

Ton                                      

Marco Teufen

Jacques Kieffer

Gailute Myksite

Sharon Luzon

 

Musik           

Balz Bachmann

The Woodlands       

 

Mitarbeit Schnitt

Petra Gräwe

Carlotta Kittel

 

Supervision

Kaspar Winkler

Sabine Girsberger

 

Redaktion                           

Urs Augstburger

Schweizer Fernsehen SRF

 

Recherchen 

Tanja Schuh

 

Mischung                            

Stephan Konken

 

Bildbearbeitung                

Milivoj Ivkovic, Andromeda AG

 

Produktion

Distant Lights Filmproduktion GmbH, Kaspar Kasics

Screening Format: DCP 2K

Länge: 106’

Color

Image: 1: 1.77

Sound: dolby 5.1